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- Prof. Dr. med. Michael Radke
Trinken statt Bauchschmerzen
Interview mit Prof. Dr. med. Michael Radke
Würden Kinder und Jugendliche mehr Wasser trinken, hätte viele von ihnen weniger körperliche Beschwerden. Davon ist Prof. Dr. med. Michael Radke, ärztlicher Leiter des Zentrums für Frauen- und Kinderheilkunde sowie Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Klinikum Ernst von Bergmann überzeugt.
Herr Professor, Sie brechen eine Lanze fürs Leitungswasser. Weshalb?
Prof. Radke: Weil es kein wichtigeres Lebensmittel für uns Menschen gibt. Und Trinkwasser aus dem Leistungsnetz ist in unserem Land nun mal das am besten kontrollierte Lebensmittel überhaupt. Es ist nicht nur völlig unbedenklich, sondern absolut empfehlenswert. Die Folgen falscher Ernährung sehe ich jeden Tag in meiner medizinischen Praxis.
Was wird denn falsch gemacht?
Prof. Radke: Wasser wurde als Nahrungsmittel Nummer eins massiv durch kalorienhaltige Getränke ersetzt. Welcher Schüle trinkt heute in den Pausen noch einfaches Wasser? Er greift zu Saft, Schorle, Cola, Eis- oder Früchtetees, zu Kakaogetränken oder Limonaden.
Was ist daran so schlimm?
Prof. Radke: Ein Problem ist die zusätzliche Energiezufuhr durch die Durstlöscher. Die Folge ist häufig Übergewicht. Das andere Problem sind Bauchschmerzen, die sich kurz nach den Mahlzeiten einstellen. Deren Folgen: Viele, oft unangenehme Untersuchungen –von der Blutabnahme bis zur Darmspiegelung und sogar Leistungsprobleme, weil Kinder wegen diesen Beschwerden nicht gut schlafen können.
Und worin die gemeine Ursache?
Prof. Radke: Das Reizwort lautet „Fructose“ – Fruchtzucker. Heutzutage wird dieser preiswerte Süßmacher fast allen industriellen Lebensmitteln zugesetzt. Und in natürlichen Lebensmitteln wie Obst und Obstsäften ist Fruchtzucker von Hause aus enthalten. Im Dünndarm kann nur eine begrenzte Menge Fructose abgebaut werden. Der überschüssige Anteil gelangt in den Dickdarm, gärt dort, was zu blähenden Gasen führt und den Bauchschmerz verursacht. Die Schmerzen haben keine organischen oder psychosomatischen Ursachen. Die Auslöser sind uniformierte Eltern!
Wie können sie den Zusammenhang Eltern und Kindern nachvollziehbar erklären?
Prof. Radke: Wenn Eltern mit ihren Kindern zu uns kommen, dann meist, weil ihnen anderenorts bislang noch nicht geholfen werden konnte. Erhärtet die Anamnese unseren Verdacht, laden wir das Kind im nüchternem zustand wieder ein. Dann trinkt es hier Wasser mit 25g Fruchtzucker aus 0,2 Liter. Es dauert nicht lange, bis sich der Bauchschmerz einteilt. Der Zusammenhang ist so deutlich, dass viele die richtigen Konsequenzen ziehen.
Bedeuten diese völligen Verzicht?
Prof. Radke: Nein, niemand muss sich geißeln! Doch sollte mach beispielsweise zu den Flakes oder dem Marmeladenbrötchen nicht noch Saft oder süßen Kakao trinken. Und wie gesagt: Als Durstlöscher ist Leitungswasser das Nonplusultra. Das enthält keinen Fruchtzucker. Damit ist es auch eine gute Medizin gegen den beschriebenen Bauchschmerz.


