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Gutenbergstraße 105

Oktober

Stadtwerke-Kalender Oktober 2018

Mehr als 100 Polizisten waren bei der Räumung der „Fabrik“ auf dem Gelände der Gutenbergstraße 105 am 22. September 1993 im Einsatz. Foto: Peter Rogge, 1993

Gutenbergstraße 105

Offiziell standen 1993 in Potsdam 1.450 Wohnungen leer. Inoffiziell sollen es 4.000 gewesen sein. Die Innenstadt glich in weiten Teilen einem Abrissviertel. Mit 20 bis 30 illegal besetzten Häusern galt die Landeshauptstadt bundesweit als Hochburg der Szene. Zu den bekanntesten Adressen zählen das Eckhaus Dortustraße 65, mit dem im Dezember 1989 die Serie der offiziellen Besetzungen begann.

Im Februar 1990 besetzten Tänzer und Musiker die Gutenbergstraße 105. Auf dem Gelände der „Fabrik“ befand sich von 1763 bis 1897 eine Brauerei. Im Sommer 1990 gab es erste Konzerte. Im Juni 1991 wurden dort die bis heute weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten „Potsdamer Tanztage“ zum ersten Mal organisiert. „Ein Projekt wie die Fabrik bringt der Stadt eine Erweiterung des kulturellen Spektrums“, schrieb die damalige Kulturstadträtin Saskia Hüneke an die städtische Gewoba. Dann wurde das Gelände aber doch an eine private Gesellschaft verkauft, die andere Pläne hatte.

Nach einer ersten Räumung war die „Fabrik“ im Juli 1993 wieder besetzt worden. Bei der zweiten Räumung am 22. September 1993 waren die Tänzer auf einem Festival in Dresden. Mehr als 100 mit Schild, Helm und Schlagstöcken ausgerüstete Polizisten räumten mit Gewalt eine Sitzblockade vor dem Tor zur Fabrik. Vermummte attackierten sie daraufhin von den Dächern mit Steinen. Dann quoll Rauch aus dem Haus. Der Dachstuhl brannte völlig aus. Es war die schwerste Auseinandersetzung zwischen Polizei und Alternativkultur seit Herbst 1989. Die Stadt stand unter Schock.

Die Tanz-Fabrik Potsdam siedelte in die Schiffbauergasse über, wo sie bis heute zu finden ist. Das Areal in der Schiffbauergasse diente bis 1989 als Industrie- und Militärstandort. Streitkräfte der Sowjetunion und der DDR nutzten die Kasernengebäude. Erst 1994 verließen die letzten Truppen das Gelände, während das Gaswerk bereits 1990 nach fast 150 Jahren die Produktion eingestellt hatte.

Die Fabrik auf dem Hinterhof der Gutenbergstraße 105 wurde abgerissen. Der an ihrer Stelle errichtete Neubau beherbergt Verhandlungssäle des Landgerichts.